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Beitrag: Blog2_Post

Laborratte

Aktualisiert: 13. Juli 2023


Als meine Tochter noch klein war, habe ich mich durch Teilzeitjobs gekämpft. Es war unglaublich anstrengend als alleinerziehende Mutter. Am Mittag holte ich sie vom Kindergarten ab und fuhr sie zu meiner Familie, danach zurück zur Arbeit, ohne etwas zu Essen. Ich ernährte mich von «Knäckebrot». Da kleine Kinder ständig krank sind, kam es viel zu oft vor, dass ich nicht zur Arbeit gehen konnte. Weder ich noch mein Arbeitgeber fanden das befriedigend. Also kündigte ich und beschloss, mich selbstständig zu machen. In dem Moment habe ich das Bild «Laborratte» gemalt. Eine Darstellung, wie sich ein Mensch von allem löst und neu anfängt. Ich leistete mir einen iMac und alle Programme, die es dazu brauchte und dann ging das ganze Akquirieren los. Es funktionierte tatsächlich. Ich fand einen Immobilienmakler, der von Grund auf sein Geschäft aufbaute. Mit dem Logo haben wir angefangen, doch mit seiner 10-jährigen Haftstrafe im Gefängnis in St. Gallen wurde alles auf einen Schlag beendet. Ein Betrüger, der schliesslich wegen Geldwäscherei in den Knast musste. Das ganze Team stand auf der Strasse. Ich bin noch gut davongekommen, andere haben sehr viel Geld verloren. Aber allein diese Story würde ein Buch füllen. Die Option RAV war danach nicht möglich. Selbstständige sind nicht versichert. Meine Eltern haben mir vorgeschlagen, dass ich in ihr Dorf ziehe und dann die Möglichkeit habe, mich wieder anstellen zu lassen. Ich bin in meinem Leben 11-mal umgezogen. Ich hatte schlicht weder die Energie noch Lust dazu, mein Hab und Gut wieder in Kisten zu packen. Vor allem wolle ich meine Tochter nicht aus der Schule reissen. Heute gebe ich ihnen recht: ich hätte es tun sollen. Ich fand dann eine sogenannte Mitleid-Anstellung in einer IT-Firma als Marketing- Fachfrau. Mein Chef kannte mich im Dorf und er ist berühmt für seine Solidarität, bekam dafür sogar einen Preis. Die Kombination Nerd und Künstlerin ist vergleichbar mit Tom und Jerry.


Nach dem Ausbruch von Corona wurde ich in Kurzarbeit geschickt und danach wurde mir gekündigt. Anschliessend landete ich tatsächlich auf dem RAV. Da ich Asthmatikerin bin, habe ich mir ein Attest von meinem Hausarzt organisiert, damit ich die Standardkurse nicht mit Maske ertragen musste. Ich bekam eine persönliche Onlineberaterin, die mir via «Teams» ihre Ratschläge gab. Dank ihr bin ich morgens aufgestanden und sah nicht aus wie ein arbeitsloser Freak. Wir haben herausgefunden, dass ich vieles sehr gut kann, aber dafür keine Bestätigung habe. Zum Beispiel: Design, Fotografie, Schreiben, Kommunikation, Organisation, Marketing usw. Zusammengefasst: ERFAHRUNG! Man hat mir gesagt, dass Arbeitszeugnisse nichts mehr zählen, wenn sie älter als 5 Jahre sind. Das ist aber blöd, wenn man so viele Jahre selbstständig war. Ich kann keine Zeugnisse vom Heiligen Geist schreiben lassen. Ich fand keine 50 – 60 % Stelle und bin seit Februar 2022 ausgesteuert. Aber ein Jahr Stellensuche und gleichzeitig sich mit kleinen Aufträgen über Wasserhalten ist schon auch einen Applaus wert. Mittlerweile arbeite ich für zwei Zeitungen und ab und zu bekomme ich einen grafischen Auftrag für eine Webseite oder sonstiges. Dies ist aber nicht ein Dauerzustand, der mir gefällt. Ich möchte wieder malen und keine Zahlungsbefehle oder sogar Betreibungen an Kunden schicken müssen. Dafür ist mir meine Zeit einfach zu wertvoll und die Nerven, die man dafür braucht, lassen alle meine kreativen Sensoren verkümmern.

Überleben ist nicht das gleiche wie Leben. Das hier ist also ein Hilfeschrei ans Universum. Lass mich endlich zur Ruhe kommen, damit ich meinen Job gut machen kann in diesem Leben. Ich möchte meine Talente ausleben und am Morgen dankbar einatmen können. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Tochter.



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Du schreibst auch jeden Fall besser als die meisten, die ich kenne. Und bist lustiger und orginell als dieselben.

ob sich das kommerziell auswert lässt?! Sicher schwierig. Why not? schweizer postillion?

leider habe ich Dir weder einen Job noch Auftrag. Drücke Dir die Daumen und freue mich immer noch auf Dein Buch. Würde ich Dir nun sogar bezahlen.

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