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Die senfgelbe Familie mit den hochbegabten Kindern

In meinem Haus lebt eine senfgelbe Familie. Sie ist ungemein klug, gebildet und kultiviert. Senfgelb ist eine gute Farbe und wird darum auch gerne getragen.

Der senfgelbe Sohn ist enorm hochbegabt.

Die senfgelbe Tochter eigentlich nicht, aber die senfgelben Eltern sehen das anders. Darum sind eben beide senfgelben Kinder hochbegabt.

Niemand sonst ist so hochbegabt, ausser vielleicht die senfgelben Eltern, aber so genau weiss man das nicht.


Mit der senfgelben Familie mithalten kann natürlich nicht jeder, denn längst nicht jeder ist so überaus klug wie sie.


Die senfgelbe Familie hat selbstverständlich auch viele Fans, denn wer möchte nicht gerne zu den Klügsten und Besten gehören oder mit den Klügsten und Besten befreundet sein?


Nun hat die senfgelbe Familie natürlich auch Kritiker. Sogar einige von denen sie nichts weiss. Aber das interessiert sie selbstverständlich nicht. Denn senfgelber Lack ist absolut kratzfest. Und ausserdem ist es in ihrem Verständnis auch gar nicht möglich, dass jemand sie nicht mögen könnte. Denn sie gehören zur Elite der senfgelben High Fashion. Wer könnte sie da also nicht bewundern? Soviel Scharfsinn muss man erst mal haben!


Die senfgelbe Familie gefällt sich sehr in ihrem Leben. Sie wählt selbstverständlich die SP, geht regelmässig zur Abstimmung, und nur die beste und coolste Altbauwohnung ist gut genug für sie.


Die senfgelbe Mutter schimpft nicht mit ihren Kindern, sie wird nie laut oder ausfällig, nein, sie spricht immerzu lieb und freundlich. Sie hat Jesper Juul gelesen und weiss nun alles über die korrekte und richtige Erziehung. Ihren Job als Leitwölfin macht sie in ihren Augen perfekt. Wenn andere unter den senfgelben Kindern leiden ist das dann auch selbstverständlich deren Schuld und Fehler.

Die senfgelbe Mutter liest und schreibt viel, und natürlich nur hochstehende Literatur.


Die senfgelbe Familie verachtet alle, die nicht das gleiche Bildungsniveau und nicht das Allgemeinwissen besitzen, welches sie voraussetzt. Sie setzt sich aber gerne für Chancengleichheit ein und spendet für wohltätige Zwecke.


Die senfgelbe Familie mag uns nicht. Das hat sie nie getan. Und ich vermute, sie dachte bis vor kurzem, ich hätte es nicht gemerkt. Denn die senfgelbe Familie ist so talentiert und blitzgescheit, ihr kann keiner das Wasser reichen. Wie hätte ich das also merken sollen?


Doch dann kam Corona. Und hat alles verändert. Oder auch nichts. Wahrscheinlich bloss die Tatsache, dass jetzt klar ist, dass die senfgelbe Familie und wir nie Freunde waren und es auch nie werden.

Denn eines ist jetzt klar, wir sind die rücksichtslosesten, egoistischsten und denkunfähigsten Menschen, die es gibt.


Und der senfgelbe Mann ist der absolut schnellst denkende Mann der Welt. Dem ist nicht zu widersprechen. Auch die Fans sind sich da total einig. Ach, ich vergass den Humor. Auch der ist in der senfgelben Familie unübertrefflich. Da können wir normal gestrickten Menschen nur noch staunen und lachen.

Also, Hut ab vor der senfgelben Familie.


Denn, Ende März, als es schon hiess, man solle in eine 14-tägige Quarantäne, wenn ein Familienmitglied Fieber und weitere von tausend Symptomen hat, da hatte das senfgelbe Mädchen Halsschmerzen und tatsächlich: Fieber! Da mir das herzlich egal war, sagte ich spasseshalber zum Bruder, er müsse jetzt aber auch in der Wohnung bleiben. Auf seinen fragenden Blick erwiderte ich dann aber ehrlich, es sei mir natürlich egal, bloss wolle ich das dann umgekehrt nicht zu hören bekommen.


Das senfgelbe Mädchen war zwei Tage später wieder draussen am spielen, und auch der Rest der senfgelben Familie vergnügte sich fröhlich auf dem Vorplatz.


Nun geschah es, dass ein paar Tage später ich von etwas Fieber heimgesucht wurde. Ich habe meine Pflicht getan und einen Test gemacht. Ich muss zugeben, ich tat es nicht von mir aus, sondern weil das von mir gewünscht wurde.


Bäng, positiv!


Und nun, Panik in der senfgelben Familie. Ich war ja brav in der Wohnung. Da mein Arzt aber erlaubt hat, dass mein Mann mit Kind täglich ein wenig nach draussen darf, mit viel Abstand, ist ja klar, muss das für die senfgelbe Familie der blanke Horror gewesen sein. Täglich sass der senfgelbe Vater Stunden am Tisch und wachte über das Geschehen. Das senfgelbe Mädchen hat sich oft so gar nicht an die Abstandsregel gehalten. Aber obwohl die senfgelbe Familie einen netten Garten um die Parterrewohnung herum hätte nutzen können, wich sie keinen Zentimeter vom Vorplatz weg. Nein, den hat sie schliesslich mitgemietet. Den gibt sie keine Minute frei.


Als dann die obligatorischen 14 Tage um waren und ich alle Bewohner (ups, entschuldige bitte, senfgelbe und feministische Mutter! alle BewohnerInnen!) des Hauses bat, unser Kind nun nicht mehr mit dem ständigen: Abstand, Abstand, Abstand zu berieseln, da ernteten wir nichts als blanke Verachtung.

Wie konnten wir es wagen unser verseuchtes Kind auf das hochheilige senfgelbe Kind loszulassen? Die absolute Sauerei! Und dann hat sich unsere Tochter auch nicht an die Abstandregeln gehalten. Übelst! Erzieherisches Versagen in seiner schlimmsten Form! Als wir darauf hinwiesen, dass man sich zur Nutzung des Vorplatzes vielleicht ein paar Gedanken hätte machen können, knallte uns der senfgelbe Vater den Satz hin: das habe ich, ich denke bekanntlich schnell.


Soso. Dass aber sein senfgelbes Kind oder ein anderes Mitglied der Familie mich hätte anstecken können, ist ihm anscheinend nicht eingefallen...


Der Rest des Hauses hat selbstverständlich geschwiegen. Ist ja klar, der Fanclub ist treu und ergeben.


Jetzt sind wir das, was wir schon vorher waren. Egoistisch, rücksichtslos und unsolidarisch.



Zum Glück sind die Fronten jetzt geklärt und alle wissen ab sofort, dass die senfgelbe Familie unantastbar ist.

Oder es zumindest glaubt.


Na, dann sind jetzt wenigstens alle glücklich. Auf eine gute Nachbarschaft und Glück auf!

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